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Yaël Meier, eine Geschäftsfrau, ist sich bewusst, dass sie eine Bedrohung darstellt


Ein Hinterhof in Zürich Oerlikon. Vor der Tür brennen kleine Feuer, es riecht etwas verkohlt. Yaël Meier und Jo Dietrich sitzen drinnen, ganz hinten auf einem Sofa, vor ihnen Laptops und Handys. Hier sei der Feuergeruch weniger schlimm, sagt Dietrich, man müsse gleich noch weiter zu einem wichtigen Dinner in St. Gallen, wirklich extrem wichtig, da dürfe man auf keinen Fall komisch riechen.

Meier dagegen, hochschwanger, eng anliegendes pinkes Kleid, dunkler Blazer, Dutt, wirkt entspannt. Ihre Keynote beginnt in wenigen Minuten, sie kann sich jetzt nicht wegen des Feuers stressen. Gleich soll es um die Zukunft gehen, beziehungsweise um die Generation Z, deren prominenteste Schweizer Vertreterin sie ist.

Wenn sie nicht liefert, fällt alles ins Wasser

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Meier ist 23. Für Vorträge wie diesen nimmt sie etwa 10’000 Franken. Bei einem solchen Honorar bleibt oft nicht mehr viel für andere übrig. Anders ausgedrückt: Das Programm des Abends heisst Yaël Meier. Wenn sie nicht liefert, fällt alles ins Wasser.

Meier geht ein paar Schritte vor die Tür, öffnet den Dutt, schüttelt ihre blonden Haare – und dreht dann eine schnelle Story für Instagram. «Ich bin hier bei Volvo, gleich beginnt meine Keynote, auf gehts.» Drinnen wartet ein Publikum, das so kritisch auf Meier blickt wie wohl kein anderes: Frauen. Genauer gesagt: Berufstätige Frauen zwischen Ende zwanzig und Mitte fünfzig.

Ein Networking-Event der Transportbranche, thematisch irgendwo zwischen Diversity, New Work und Leadership angesiedelt, so genau weiss das niemand. Geschäftsführer Urs Gerber ist hier «der Hahn im Korb», wie er selbst sagt, auf der Bühne wechseln sich Powerfrau-Plattitüden und futuristische Slogans ab.

Auf Balance achten

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Yaël Meier wartet neben der Bühne auf ihren Einsatz, schaut immer mal wieder auf ihr Handy. Sie sei dabei, ihren Workload herunterzufahren und «auf Balance zu achten», hat sie vor dem Termin gesagt. Aber «grosse Kunden und Projekte» seien wichtig für sie, für ihre Gen-Z-Agentur Zeam. Diese hat in den vergangenen drei Jahren Kampagnen für die Migros entwickelt, mit Porsche oder der Amag zusammengearbeitet. Und sie hat viele andere grosse Unternehmen im Umgang mit jungen Talenten beraten.

Seit der Gründung von Zeam im Frühjahr 2020 hat Meier mehr als dreissig Menschen unter dreissig Jahren eingestellt. Im selben Jahr wurden Meier und Dietrich in die renommierte «Forbes»- Liste «30 unter 30» aufgenommen. Vielen gilt Yaël Meier als die perfekte Schweizer Antwort auf rätselhafte Tiktok-Phänomene, neue Work-Life-Ansprüche und der Schlüssel zu allem, was im Internet und in der Werbung hip und sexy daherkommt.

«Schwangere Frauen sind nicht schwach»

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Die Recherche für diesen Text fand zum Grossteil im Frühjahr 2023 statt. Die App «Jobshot» des Unternehmerpaars, mit der die Erstkontaktaufnahme zwischen Stellenausschreibern und Arbeitssuchenden via Tiktok-artige Kurzvideos vereinfacht werden soll, war noch nicht gestartet. (Inzwischen hatte die Stellenbörse schon ihren ersten Shitstorm: Mitgründer und Comedian Zeki kaufte auf Instagram Likes für die App.)

Zurück zum Frauennetworking-Event bei Volvo: Wenn es um «Herzensthemen wie Diversity» geht, versuche sie trotz fortgeschrittener Schwangerschaft, «es irgendwie möglich zu machen», sagt sie. Es ist Business-Sprech, wie man ihn von vielen Berater:innen kennt. Doch bei Meier wird er gleich darauf abgelöst von ziemlich persönlichen Sätzen: «Was mich so aufregt: Schwangere Frauen werden immer gefragt, ob sie dieses und jenes noch können, ob sie sich hinsetzen müssen, ob alles okay ist. Ich mache das hier auch, um zu zeigen: Schwangere Frauen sind nicht schwach.»

Können die beiden überhaupt etwas?

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Ihr Partner, Jo Dietrich, hält sich bei dieser Veranstaltung im Hintergrund. Dietrich ist 26 Jahre alt. Bevor er 2020 mit Meier Zeam gründete, studierte er Wirtschaft – und sammelte praktische Erfahrung bei Tamedia, Marcau Partners und Ringier, wo sein Vater Andreas Dietrich als «Blick»-Chefredaktor einen der wichtigsten Posten bekleidet.

An diesem Abend fällt Jo Dietrich auf, als Mann. Ein «komplett ungewöhnliches Setting» sei das, sagt er. Normalerweise treffen er und seine Freundin bei ihren Keynotes auf ein älteres, überwiegend männliches Publikum. «Am anspruchsvollsten sind die gemischten Audiences. Denn es müssen alle im Raum abgeholt werden.» Und auch hier, bei Volvo, müssen sie zeigen, was sie können.

Yaël Meier, eine nationale Reizfigur

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Es ist die Frage, die unter jedem Linkedin-Post, jedem Boulevard-Artikel diskutiert wird. Können die beiden überhaupt etwas? Beziehungsweise: Kann Yaël Meier, 23, Mutter von zwei Kindern, Chefin von mehr als dreissig Angestellten und unterdessen eine der bekanntesten Unternehmerinnen der Schweiz, etwas?

Oder ist sie, wie es gerade ältere Kommentarschreibende vermuten, aufmerksamkeitsgeil, überschätzt, «good-looking, aber that’s it», peinlich, naiv, unendlich privilegiert? Fest steht: Spätestens seit sie im Januar verkündet hat, dass sie zum zweiten Mal Mutter wird, aber trotzdem «alles möglich» bleibe, ist Yaël Meier eine nationale Reizfigur.

Kein Druck für andere Frauen

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Wenn Schweizer Medien über Meier berichten, dann zum Beispiel unter dem Titel «Kontroverse um berufstätige Mütter» – und nicht selten wird die Kommentarfunktion von der Redaktion vorsorglich geschlossen. ältere Redaktorinnen schreiben offene Briefe an Meier. Die klingen einerseits bewundernd – «Ich finde grossartig, was du leistest, und wenn meine 18-jährige Tochter in dir ein Vorbild sieht, kann ich das nur begrüssen» («Schweizer Illustrierte») – und andererseits mahnend «Zu sagen, dass man alles schaffen kann, suggeriert auch: Schaffst du es nicht, bist du schuld» («Watson»).

Meier reagiert auf diese Debatten, sagt in Interviews, dass sie «andere Frauen nicht unter Druck setzen wolle», korrigiert auf ihrer Lieblingsplattform Linkedin, dass in erster Linie für sie selbst alles möglich bleibe. Auch früher schon hatte Meier dort über gesundheitliche Probleme gesprochen oder öffentlich ihrer Mutter gedankt, die ihren älteren Sohn drei Tage die Woche betreut. An der Wut, die ihr entgegenschlägt, ändert das wenig.

Sie macht uns alle ein bisschen neidisch

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Es ist nämlich so, dass Yaël Meier fast alle Menschen irgendwie provoziert. Mütter, viele von ihnen fast doppelt so alt wie Meier, die zwischen Care-Arbeit und schlecht bezahltem Teilzeitjob fast kaputt gehen – und keineswegs das Gefühl haben, in der Schweiz im Jahr 2023 alles schaffen zu können.

Männer, für die jede Frau, die mehr verdient als sie, der Beleg dafür ist, dass «das Pendel nun aber in die andere Richtung ausschlägt», und die sicher sind, dass Meier nur das schöne Aushängeschild des Erfolgs ist, während ihr Partner, Jo Dietrich, «das Gehirn hinter dem Erfolg» sein müsse. Ältere, die gelernt haben, bescheiden zu sein – und bei jedem Social Media Post, in dem Meier ihr Alter, ihre Erfolge oder, kreisch, eine Einladung von Barack Obama auflistet, innerlich Schnappatmung bekommen.

Junge, die versuchen, zwischen Praktika, Ausbildung und dem Druck auf Social Media ihren Weg zu finden – und für die schon eine feste Beziehung oder ein bezahlter Job unerreichbar erscheinen.

Kurzum: Yaël Meier macht uns alle ein bisschen neidisch. Und vielleicht auch: misstrauisch. Kann es wirklich sein, dass bei ihr alles so viel besser läuft? Anders gefragt: Was ist Meiers Geheimnis?

«Alle wollen herausfinden, was hinter Yaëls Erfolg steht»

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Jo Dietrich atmet hörbar ein, als er diese Frage hört. «Seit Jahren arbeitet sich die Schweizer Öffentlichkeit an diesem Thema ab. Alle wollen herausfinden, wer oder was hinter Yaëls Erfolg steht. Hat sie reiche Eltern? Nonsense.» Er macht eine kleine Pause, um den nächsten Satz wirken zu lassen. «Bei Roger Federer fragt auch kein Mensch: Wer hat ihm Tennis spielen beigebracht? Warum hatte er so viel Zeit zu trainieren? Musste er nicht Geld verdienen? Nein, er ist einfach gut.»

Auf der Bühne in Oerlikon hat gerade das Podium angefangen – und Meier pariert die etwas raue Einstiegsfrage («Sie behaupten, Frauen könnten alles schaffen. Ist das nicht etwas naiv?») ganz ähnlich wie ihr Partner. «Wenn ein Mann behaupten würde: ‹Männer können alles schaffen› – würde das niemanden interessieren, oder?»

Stellen wir uns doch einmal kurz einen jungen Mann vor, 23 Jahre alt, expandierendes Start-up, zwei Kinder, immer wieder Botschaften auf Social Media, in denen er sich, seinen Erfolg, seine Familie feiert. Langweilig? Allerdings. Männer wie ihn gibt es zur Genüge. Mit Gegenwind muss er nicht rechnen. Andererseits: «20 Minuten» und «Blick» kämen wohl kaum auf die Idee, immer wieder Schlagzeilen aus seinen Linkedin-Posts zu generieren.

Unbekümmert und jung

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Denn, klar: Yaël Meier lebt von dieser Aufmerksamkeit. Und dass sie so viel davon bekommt, liegt auch daran, dass sie eine schöne Frau ist. Anders als viele ältere Frauen trägt Meier ihr blondes Haar meist offen, teilt gern Bikinifotos und inszeniert ihren schwangeren Körper.

Dass sie ihre Karriere als Teenagerin mit einer Schauspielrolle begonnen hat, gehört genauso selbstverständlich zu ihrer Erfolgserzählung wie die Aufnahmen einer «Workation» ihres Start-ups, in dem Meier mit über der Jeans hervorschauendem String durch New York schlendert. Was für alle über dreissig wie ein No-Go aussieht, wirkt bei Meier im besten Sinne unbekümmert – und, natürlich, jung.

Vom Journalismus zur Unternehmerin

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Dass sie, noch bevor sie zwanzig war, als Journalistin gearbeitet hat, eine eigene Kolumne beim «Blick», regelmässige Schreibaufträge bei der «Weltwoche» und einen eigenen Podcast («Yaëls Welt») hatte, gehört da fast zu den langweiligen Stationen ihrer Karriere.

Mit dem Journalismus hat Meier inzwischen abgeschlossen. Ihre neue Berufsbezeichnung lautet: «Unternehmerin. Aber eigentlich war ich das immer schon.» Trotzdem hat sich auch dieser Schritt gelohnt. Meier hat immer eine Handvoll Journalist:innen zur Hand, die sie anrufen kann, um einen neuen Scoop zu platzieren.

Systematisch unterschätzt

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Die Journalistin Silvia Princigalli, 34, bekannt als Moderatorin beim Social-Media-Format «Izzy Projects» und leidenschaftliche Feministin, hat vor Jahren mit Meier zusammengearbeitet, inzwischen verbindet die beiden eine Freundschaft. Sie erinnert sich: «Ich weiss noch, dass es in ihrer Anfangszeit beim ‹Blick› immer hiess: Ah, Yaël. Die Hübsche, oder? Ich glaube, ich war am Anfang auch skeptisch. Aber dann habe ich eine Veranstaltung mit ihr und Jo organisiert. Yaël ist in Meetings eher still und beobachtend, am Schluss stellt sie dann die entscheidenden Fragen. Und generell, die beiden ‹reissen was›. Wenn sie sich etwas vorgenommen haben, stecken sie alle Energie rein, und dann wird es auch.»

Princigalli glaubt, dass Meier systematisch unterschätzt wird. «Diese Idee, dass Jo der Mastermind im Hintergrund ist und Yaël nur das hübsche Aushängeschild – da ist nichts dran. Die beiden brauchen einander. Jo hätte es nicht gemacht ohne Yaël – und Yaël hätte es nicht gemacht ohne Jo.» Princigalli ergänzt: «Natürlich steht Yaël mehr im Fokus. Aber ich glaube, beide sind am Schluss gleich wichtig für den Erfolg von Zeam – und ihrer Familie.»

Eine Tüftlerin

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Jo sagt über seine Freundin: «Sie ist viel organisierter und ruhiger als ich. Sie ist eine Tüftlerin, die ins Detail geht – und eine Visionärin, die alles absagt, was nicht zu ihrer Vision passt. Wenn ich etwas von Yaël gelernt habe, dann ist es: Nein sagen.»

Das Glück, einen Partner, eine Partnerin zu finden, der oder die beruflich die gleichen Ziele hat wie man selbst, ist selten. Besonders für Frauen. Dass dieser Partner einem das Rampenlicht überlässt und auch mal im Hintergrund dafür sorgt, dass alles läuft – das ist in der Schweiz auch im Jahr 2023 so selten wie ein Lottogewinn.

Helena Trachsel, die im Frühjahr die Leitung der Fachstelle für Gleichstellung im Kanton Zürich altershalber übergeben hat, erinnert sich noch genau an das Podium, bei dem sie Meier kennenlernte. Nicht nur weil diese auf der Bühne so «wach, engagiert, tatkräftig und visionär» gewirkt habe. Sondern auch, weil im Schatten der Bühne Jo mit dem Baby in der Trage herumlief.

«Yaël fordert heraus»

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Trachsel ist beeindruckt von dem jungen Paar, das für sie Zukunft verkörpert. Besonders toll findet sie, dass die beiden ihr Familienmodell nicht nur privat leben, sondern bewusst nach aussen tragen. über Meier sagt sie: «Ich schätze es sehr, dass sie die negativen Kommentare aushält, weil für sie und ihre Familie dieses Modell stimmt. Für mich ist das Charakterstärke.»

Trachsel klingt fast so, als habe sie auf eine Frau wie Yaël Meier gewartet. «Yaël fordert heraus. Meine Generation ist anders aufgewachsen, wir sollten bescheiden sein, die Familie ins Zentrum stellen, wenn, dann nur in einem kleinen Pensum der Erwerbsarbeit nachgehen. Aber haben wir nicht genau dafür gekämpft, dass Frauen so eine Karriere machen können, wie Yaël das tut?»

Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien

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Mit ihrer Begeisterung steht Trachsel nicht unbedingt für die Mehrheit der Schweizer Frauen. Viele von ihnen, gerade die, die sich seit langem für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf einsetzen, sind genervt von dieser überbordenden Erfolgsgeschichte. Das wird zum Beispiel in dem bereits zitierten «Watson»-Kommentar deutlich, wo es heisst: «Das Risiko, mit seinem Start-up zu scheitern, muss man sich leisten können. Es geht um die Gewissheit, aufgefangen zu werden, wenn etwas schief läuft. Nicht alle haben diese Garantie.»

Zum Feminismus von heute gehört auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien. Eine Frau, die ein Foto postet, auf dem sie stillt, muss dazu schreiben, dass sie Glück hat, stillen zu können. Wer schlank aussieht, schreibt dazu, dass dicke Körper wunderschön sind, wer einen Preis bekommt, reflektiert seine vielen Startvorteile im Leben und dankt all jenen, die diesen Weg unterstützt haben. «Ohne euch hätte ich es nie geschafft.»

«Ich wurde immer unterschätzt»

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Yaël Meier verwendet diese Disclaimer so gut wie nie. Stattdessen schreibt sie: «Ich wurde immer unterschätzt» oder «Als junge Frau in der Wirtschaft kann ich mir Bescheidenheit nicht leisten.» Es ist wohl dieses Selbstbewusstsein – gepaart mit einer gewissen Naivität auf der einen und extrem hohem Leistungswillen auf der anderen Seite –, das Meiers Erfolg ausmacht.

Leute, die sie besser kennen, sind oft beeindruckt von dieser Kombination, beschreiben die 23-Jährige als «Nerd» und als eine, die es immer ganz genau wissen will. Was dagegen kritisiert wird, ist Meiers Art, Termine, die für sie gerade nicht wichtig sind, radikal wegzuschieben, Mails nicht zu beantworten, auch ältere Redaktoren tagelang warten zu lassen. Auch das braucht einiges Selbstbewusstsein.

Die Privilegien gibt es

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Tatsächlich gibt es noch eine Frau, die ziemlich selbstbewusst auf ihren Erfolg blickt. Yaëls Mutter Heidi Hostettler hat ein Lachen, das selbst durchs Telefon ansteckend wirkt. «Natürlich ist das alles auch wegen uns», sagt sie fröhlich und zählt ein Beispiel nach dem anderen auf. Wie sie vor sechzehn Jahren gemerkt hat, dass Yaël in der Schule unterfordert ist. Sie habe jeden Morgen vor dem Klassenzimmer geheult und geschrien. Nachdem sie die erste Klasse überspringen konnte, ging Yaël fortan gerne zur Schule. Wie sie sie bestärkt hat, nach der Matur das Praktikum beim «Blick» anzunehmen, die vielen Tage und Nächte, an denen sie den Sohn von Meier und Dietrich betreut hat.

Im Gespräch mit Heidi Hostettler wird klar, mit welchen Privilegien Yaël Meier in Vitznau am Vierwaldstättersee aufgewachsen ist. Denn die gibt es. Nur sind es andere, als sich das genervte Kommentarschreiber: innen auf den Webseiten von Boulevard-Medien vorstellen. Weder ist es ein Millionenvermögen noch klassische Männerseilschaften.

Mutter Heidi beschreibt die Kindheit ihrer drei Söhne und ihrer Tochter als eine ziemlich bunte, lebendige Zeit. Zusätzlich zu ihren eigenen Kindern betreute Hostettler stets eine Handvoll Tageskinder – die Beschäftigung mit kleinen Menschen ist für sie bis heute «keine Arbeit, sondern Hobby». Insgesamt hat Hostettler fast zwanzig Kinder (mit-)grossgezogen.

Viele Freiheiten

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Ihren eigenen Kindern hat Hostettler viele Freiheiten zugestanden. Wer im Winter barfuss in den Kindergarten gehen wollte, durfte das. Wieder schallt ihr Lachen durchs Telefon. Sie weiss, dass viele Eltern ihre Kinder anders erziehen, von ihnen mehr Anpassung fordern und mehr Druck machen. Wenn sie von den Regeln erzählt, die sie ihrem Nachwuchs auferlegt hat, kommt ihr vor allem eine in den Sinn: «Sie mussten immer alle Kinder aus der Klasse zum Geburtstag einladen. Kein Kind sollte ausgeschlossen werden.»

Die Geburtstagspartys seien legendär gewesen, sagt sie voller Freude. «Viele erzählen heute noch davon.» Dass ihre Tochter nun zumindest einen Teil der Woche mit den Kindern bei ihr lebt und einen Fokus auf ihre Karriere als Beraterin und Unternehmerin legt? Für Hostettler, die erst Anfang fünfzig ist, eine Freude.

Lebenskonzept mit mehreren Generationen

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Was man in der Recherche immer wieder spürt: Die Frage, ob und wie viel Fremdbetreuung für kleine Kinder gut ist, wird in der Familie kontrovers diskutiert. Für Jo, der in Zürich in die Kita gegangen ist, ist das auch eine Stadt-Land-Frage. «In der Stadt bekommen die Frauen erst in ihren Dreissigern Kinder. Auf dem Land ist das anders. Bei Yaël in der Klasse gab es sieben Mädchen – sechs von ihnen haben schon Kinder.» Zur Grossfamilie in Vitznau gehört auch Yaëls 93-jährige Grossmutter. Jo schwärmt von diesen Bedingungen, davon, wie sich alle gegenseitig ergänzen. «Uns gefällt das Lebenskonzept mit mehreren Generationen.»

Ein weiteres Treffen mit Yaël Meier, diesmal mitten in Zürich, es ist April. Der Laden, Meier hat ihn vorgeschlagen, hält sich nicht mit altmodischen Vergnügungen wie Cappuccino oder Oat Milk Flat White auf. Im komplett weissen, cleanen Ambiente bestellen die Menschen Lavender Matcha, Vanilla Gloss Matcha, Glazed Honey Matcha.

Die Future Drinks kosten zum Teil zehn Franken pro Pappbecher – und sind erstaunlich fein. Die ersten acht Franken sind schon ausgetrunken, als Meier und Dietrich endlich um die Ecke biegen: «Ich vergesse immer, dass ich nicht mehr so schnell laufen kann», sagt Meier. Schwach also nicht, langsamer aber durchaus. Der errechnete Geburtstermin ist jetzt nur noch wenige Tage entfernt. Beide bestellen to go, Dietrich verabschiedet sich schnell.

«Ich muss mich immer einmal mehr beweisen»

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Meier lenkt in den Alten Botanischen Garten und steuert auf eine sonnige Bank mit Blick über Zürich, die – natürlich – genau in diesem Moment frei wird. So kompliziert es manchmal ist, Meier zu erreichen (ihre Assistentin moderiert alles weg, was ihre Chefin stressen könnte) – wenn sie sich Zeit nimmt, ist sie hundertprozentig fokussiert. Jetzt spricht sie sehr offen über ihr Familienmodell, ihre Angst, die Balance mit zwei Kindern nicht mehr zu finden – und über ihre Rolle in der Schweizer Medienwelt. «Ich weiss, dass ich vor allem für Millennials eine Provokation bin – weil ich, genau wie viele von ihnen, bald zwei kleine Kinder habe, aber anders damit umgehe.»

Und ja, sie habe grosses Glück und bekomme viel Unterstützung. «Andererseits: Ich bin eine Frau in der Wirtschaft. Ich muss mich immer einmal mehr beweisen.» Woher sie das Selbstbewusstsein nimmt, ohne jede Berufsausbildung hochbezahlte Vorträge zu halten, Bücher zu schreiben (ja, das auch noch), Dutzende Mitarbeiter:innen zu führen? Meier spricht von ihrer Mutter, die ihr Mut gemacht habe, anders zu sein. Davon, dass sie seit der Primarschule immer die Jüngste gewesen sei – und trotzdem locker mithalten konnte.

Ein Raum voller Menschen, die ihr interessiert zuhören

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Ganz am Schluss sprechen wir über ihre Keynote bei Volvo. Solide Powerpoint, locker vorgetragen. In Erinnerung bleibt vor allem ein Moment: Meier fragte die Anwesenden, wie sie den 11. September 2001 erlebt haben. Die Anschläge von Al-Qaida auf das World Trade Center. Und macht dann klar: Das Datum existiert nicht in ihrer Erinnerung, sie war 2001 ein Baby.

Auf einer Folie zeigt sie, was Menschen ihres Alters bisher erlebt haben. Für Ältere ist das ein Aha-Moment: Der Irak-Krieg liegt plötzlich in der Steinzeit, Donald Trumps Sieg bei den Präsidentschaftswahlen gehört zu den ersten politischen Ereignissen dieser Generation. Das ist spannend. Trotzdem: Wer neue Erkenntnisse oder wissenschaftlichen Tiefgang erwartet hat, ist möglicherweise etwas ernüchtert nach Hause gegangen.

Einigen älteren Frauen im Publikum hat man diese Ernüchterung auch angemerkt. Fairerweise muss man sagen: Die Corporate World ist voller hochbezahlter Menschen, viel älter als Meier und fast immer männlich, die ohne jeden Selbstzweifel deutlich dünnere Vorträge halten.

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Nach dem Vortrag postete CEO Urs Gerber begeistert die Bilder des Abends auf Linkedin. Man sieht weder die kritischen Kommentare, noch riecht man das Feuer. Stattdessen bleibt ein Foto: Eine junge, hochschwangere Frau und ein Raum voller Menschen, die ihr interessiert zuhören.

Kurz darauf wurde es still auf Meiers Social-Media-Kanälen. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes im Mai nahm sich das Paar eine Auszeit, schrieb auf Linkedin von «hundert Prozent Funkstille» und einem Team, dem es zu «hundert Prozent vertraue». Besonders lange währte die Pause nicht. Drei Wochen nach der Geburt feiert Meier ihre erste Keynote nach der Schwangerschaft – ihr Partner Jo Dietrich postet derweil vor allem Bilder mit Babytrage.

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Author: Megan Donaldson

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